Mutterbild und trübes Wetter – Wie Normen unsere Beziehungen erdrücken

Mutterbild und trübes Wetter – Wie Normen unsere Beziehungen erdrücken

Der Tag fing gestern schon ganz kleinlaut an: Harndrang, Kopfkarussell, Rückenschmerzen, senile Bettflucht. 4.30 Uhr habe ich es nicht mehr ausgehalten und bin aufgestanden. Der Tag startete eindeutig zu früh. Das verhieß nichts Gutes. Hätte ich ausgeschlafen möglicherweise auf das gestrige Politische Feuilleton von Deutschlandfunk Kultur anders reagiert? Anlässlich des 100. Geburtstages der Psychoanalytikerin und Feministin Margarete Mitscherlich, wollte die Autorin und Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Langenhagen Christina Mundlos am vermeintlich gängigen Mutterbild rütteln.

Welches ist denn das derzeit gängige Mutterbild?

Ich kann da nichts Eindeutiges erkennen. Ich habe zwar die Bücher von Frau Mundlos nicht gelesen, jedoch erstmal positiv zur Kenntnis genommen, dass sie an wichtigen Themen dran ist. Doch mit dem, was da eine Soziologin, die von Berufswegen für Frauen und damit eben auch Mütter spricht, konnte ich mich so gar nicht identifizieren. Da wurde das alt hergebrachte Mutterbild angeprangert und das es wohl immer noch so sei, das berufstätige Mütter immer noch auffallen. Also ich mache genau die andere Erfahrung. Mich schauen die meisten Leute mit großen fragenden Augen an, wenn sie erfahren, dass ich meinen Job an den Nagel gehängt habe und dass es bei dieser Entscheidung auch um unsere Kinder ging. Die nächste Frage ist dann immer: „Und was machst du jetzt?“

Alles dreht sich auch bei dieser Debatte um Erwerbsarbeit – den Fetisch unserer Zeit. Erwerbsarbeit als sinnstiftender Lebensmittelpunkt. Bei wem das so ist, toll und herzlichen Glückwunsch! Aber mir will doch niemand weiß machen, dass die Drogeriefachverkäuferin im Einräumen von Regalen und Kassieren die Erfüllung oder gar den Sinn ihres Lebens findet.

Wer bestimmt, welches das richtige Mutterbild ist?

Auch die Debatte um das Mutterbild, wird von Menschen einer sozialen Gruppe bestimmt, denen das Vorrecht eingeräumt wird, Deutungshoheit über die Gegebenheiten und anzustrebende Lebensgestaltung von Müttern zu haben. Das ist doch nichts Anderes, als was sie anprangern. Da werden Meinungen einer gesellschaftlichen Gruppe, zum Maßstab und zum Ideal erhoben. Obwohl ich nach meinen Sozialmerkmalen genau dieser Gruppe angehöre, stimmen meine Vorstellungen von Zusammenleben nicht mit denen von vielen Debattenführer/innen überein. Da spielte mein Morgenblues im tiefsten Moll. Aber der Rhythmus ging mir dann verloren, als Frau Mundlos der Berufstätigkeit von Müttern als Gegenmodell eine permanente Abrufbereitschaft gegenüberstellte.

Mutterschaft geht nur mit Kindern

Abrufbereitschaft, wofür? Oh Mann, sorry, Frau: Das kann doch nicht ihr Ernst sein! Gewollte und gelebte Mutterschaft bedeutet, dass da mindestens noch ein zweiter Mensch beteiligt ist, der auf das Entscheidenste damit zu tun hat. Und die Bedürfnisse dieses Menschen so negativ als belastend zu definieren und außen vor zu lassen, empfinde ich als zutiefst egoistisch. Heute muss doch Gott sei Dank niemand gegen seinen Willen Mutter sein. Auf die eigenen Bedürfnisse zu schauen, was Frauen absolut zu Recht einfordern (sollten), schließt doch nicht die Beachtung der Bedürfnisse andere aus. Mutterschaft ist doch keine Dienerschaft. Und wer das so begreift hat tiefsitzende persönliche Probleme.

Normen vs. Beziehung

Ich für meinen Teil kann auch nicht beobachten, dass Müttern der Spagat zwischen einer vermeintlichen Abrufbereitschaft und Karriere, die größten Sorgen bereitet. Vielmehr mache ich in meinem Umfeld die Erfahrung, dass Mütter sehr wohl auf die Bedürfnisse ihrer Kinder achte. Und die haben so gar nichts mit permanenter Abrufbereitschaft zu tun. Diese Mütter und auch Väter fühlen sich vielmehr von den unflexiblen Normen erdrückt. Bis spätestens 9.00 Uhr sollen alle in der Kita sein, mit sechs Jahren sollte der Nachwuchs aber das Seepferdchen gemacht haben, Kuchenbacken und Malern für Kita und Schule sind selbstverständlich, am besten noch im Förderverein engagieren, noch schnell ein berufliches Telefonat, noch eine E-Mail, kurzfristig Kollegen vertreten und zu diesen Anforderungen immer lieber „Ja“ als „Nein“ sagen. Und klar ist es in Ordnung auch als Mutter eine Woche zur Dienstreise zu fahren, um das Beispiel von Frau Mundlos zu bemühen. Aber es ist auch okay und keine Selbstaufgabe, wenn Mama das nicht tun möchte. All diese Dinge fordern nicht unsere Kinder. Diese zur Normalität oder gar zum Ideal stilisierten Handlungen und Verhaltensweisen basieren auf Erwartungen, die andere erwachsene Mitmenschen haben. Und dabei ist es ganz egal ob an Mutter oder Vater. Diese Normen sind es, die einen ins Wanken bringen können und die wir dann mit unserem beflissenen Vorleben auch an unsere Kinder weitergeben.

Was ist die Norm?

Was ist eigentlich normal? Die Auffassung der Mehrheit, die Deutungshoheit bestimmter gesellschaftlicher Gruppen oder gesellschaftlicher Konsens? Ich habe nicht den Eindruck, dass berufstätige Mütter permanent kritisiert werden. Vielmehr scheint es sich gerade umzukehren, man wird ungläubig angeguckt, wenn man sich gegen eine Erwerbsarbeit entschieden hat. Eine Frau, die nicht berufstätig ist und ihre Kinder sogar nicht fremd betreuen lässt, gerät hier schnell in den Verdacht bequem zu sein, nicht am sozialen Leben teilzunehmen, zu glucken, „sich aufzugeben“, wie Frau Mundlos meinte, und somit auch geistig auf der Strecke zu bleiben. In diesen Debatten wird mir der Fokus viel zu sehr auf Gegenmodelle gelegt. Entweder selbstbewusst und berufstätig oder gluckend und sozial und geistig verkümmert sowie sich selbst aufgebend mit den Kleinen. Was gibt es da eigentlich für ein Bild von jungen Menschen, wenn ein Zusammensein mit ihnen mit Aufopferung, Selbstaufgabe und oft auch mit geistiger Eingeschränktheit gleichgesetzt wird? Erschreckend finde ich das! Warum wird das bei beruflichen Betreuern in Kita oder Schule nicht so gesehen.? Die haben dann anspruchsvolle und gesellschaftlich relevante Aufgaben. Es gibt jede Menge selbstbewusste und aktive Mütter, die keiner klassischen Erwerbsarbeit nachgehen. Im Übrigen arbeiten sie auch. Genauso wie Männer, die sich entschieden haben, für eine gewisse Lebenszeit mehr derselben gemeinsam mit ihren Kindern zu verbringen. Das muss doch kein Aufgeben sein. Das kann auch ein großer Gewinn für alle sein. Ich kenne auch viele berufstätige Frauen oder Männer, die die Tage ihrer Kinder durchplanen, die ihre Kinder kaum einen Schritt allein gehen lassen, die offensichtlich eher sich aufgegeben haben, weil sie nur noch am planen und chauffieren sind. Im schlimmsten Falle wollen sie ihre Träume durch ihre Kinder verwirklicht sehen. Berufstätige, nach allen Normen sozial integrierte Menschen, die selbst so voller Ängste sind, dass ich sie nicht gerade als selbstbewusste Menschen beschreiben würde. Und dann gibt es eben noch unendlich viele Nuancen dazwischen. Ja sicher werden noch immer mehr die berufstätigen Mütter von Kollegen oder Vorgesetzten vorwurfsvolll angeguckt, wenn sie ihre Kinder nicht so lang wie möglich in der Kita oder im Hort lassen und dann von den Erziehern, wenn sie die Kinder als letzte abholen. Man kann es eben nicht allen Recht machen. Und wie man an diesem kleinen Alltagsbeispiel erkennen kann, kann die Sicht auf die Dinge je nach Position unterschiedlich sein. Und so ist es auch mit dem Mutter- bzw. Vaterbild.

Gute Beziehungen funktionieren nur miteinander

An diese Rollenbilder werden je nach Position ganz unterschiedliche Erwartungen geknüpft. Die damit verbundenen Aufgaben sind nicht durch Stellenbeschreibungen zu definieren und nach bester Qualifikation zu besetzen. Sie basieren auf Beziehungen. Eine erfüllende Beziehung lebt vom Miteinander, dem gleichwertigen Beachten von Bedürfnissen aller Beteiligten und nicht von der Erfüllung von Erwartungen. Da liegt der Spagat. Und klar, mehrheitlich noch eher für Mütter als für Väter. Die Gewichtung von Bedürfnissen und Erwartungen hat sich in unserer Gesellschaft auf eine sehr ungesunde Weise zu Gunsten der Erwartungen verschoben. Und damit es einem in dieser auf Beziehung basierenden Rolle als Mutter gut geht, müssen die Beziehungen in einer Familie intakt sein. Und dies wiederum bedeutet, dass eben auch die individuellen Bedürfnisse der Kinder ihre Berechtigung haben. Nicht nur „Wenn es der Mutter gut geht, geht es den Kindern gut.“, wie Christina Mundlos in ihrem Beitrag so gewichtig zitierte. Ich frage mal keck in die Runde: Geht es einer Mutter gut, wenn es ihren Kindern nicht gut geht? Das möchte ich mal stark anzweifeln. Also liebe Debattenführer/innen der Gleichstellung, ich wünsche mir weniger Gegenüberstellungen, vielmehr die Gleichwertigkeit von diversen Möglichkeiten und vor allem ein Miteinander. Und am Ende stimmte ich Christina Mundlos zu, als sie sagte: „Wir brauchen Mütter (…), die sich das Denken nicht verbieten lassen und das Leben ganz nach Ihrer Fasson gestalten.“ Und ich füge noch hinzu: Denken kann Mutter sowieso, auch wenn Mutter keine berufliche Karriere anstrebt.

Bei trübem Wetter kann man es auch mal schleifen lassen

Da saß ich nun mit meinem inzwischen vierten Kaffee, dezent verärgert und wartete auf Sonne. Doch nichts da. Kleinlaut war der Tag nach diesen Denkübungen nun nicht mehr, aber von Elan konnte keine Rede sein. Unglaubliche drei Nuancen von Grau wollten mir mit gelegentlichem Regen einen abwechslungsreichen Tag vortäuschen. Doch das hatte ich durchschaut, schenkte nochmal Kaffee nach und beschloss, hier bedarf es einer farblichen Änderung. In einer alten Bank vom Dachboden hatte ich ein Opfer gefunden. Nun endlich mit Elan (Könnte der Kaffee seine Hände im Spiel gehabt habe?), schnappte ich mir das Schleifgerät und dann fing es wieder an zu regnen. Meine Güte, da will die Mutter loslegen und wird vom Wetter ins Haus getrieben. Das wäre mir mit Bürojob nicht passiert. 😉 Als die helleren Grautöne die Oberhand am Himmel übernahmen, konnte ich doch noch loslegen. Mit jedem geschliffenen Quadratzentimeter wurde meine Laune besser. Und das Ende vom Lied: Die Sonne kam noch raus, die Bank sieht toll aus und abends gab es noch ein Glas Sekt am Feuer. Wir haben Veranstaltungsideen für den Stromergarten besprochen und mit der Gewissheit, dass ich mir als nicht berufstätige Mutter nicht das Denken absprechen lasse und wir unser Leben nach unser aller Fasson schleifen, konnte ich mit diesem Tag versöhnt ganz schnell einschlafen.

  



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