GartenMenschen: Interview mit meiner Schwägerin Viola Luhn

GartenMenschen: Interview mit meiner Schwägerin Viola Luhn

Mit meiner neuen Serie “GartenMenschen” möchte ich Euch tolle Gärten vorstellen, vielmehr aber noch ihre Macher. Die Gartenverrückten, die die spinnen, gestalten, verwerfen, buddeln und mit ihren Kaffee- oder Teetassen guckend und Pläne schmiedend durch ihre Gärten streifen. Diese herrlichen Leute haben die Ruhe weg, denn spätestens ein Garten zwingt zur Gelassenheit, sind dabei aber fast immer aktiv. Sie lieben es, schmutzige Hände zu haben. Buddelnd und wühlend im Garten zu sein, ist für sie keine Arbeit – es ist Ausgleich, Meditation, Ablenkung, Freude, Glück. So vielfältig wie die Gärten, so vielfältig sind auch die Menschen, die sie angelegt und gestaltet haben. Immer sind es Lebensgeschichten, die inspirieren können und mit ihrer Verliebtheit zu den dazugehörigen Gärten mitreißen.

Los geht es

Den Anfang macht meine liebe Schwägerin Viola. Sie ist der Mensch, durch den ich das Thema Garten ganz neu entdeckt habe. In meinen Kindheitserinnerungen hatten Gärten keinen besonders leuchtenden Platz. Doch Viola hat mir Gartengestaltung nochmal ganz anders nahe gebracht.  Aus dem Nichts hat sie einen Garten erschaffen, der mich immer wieder verzaubert. Wenn Viola von ihrem Garten erzählt , glitzern ihre Augen und sie strahlt. Dieser Garten ist für sie das pure Glück. Das spürt man sofort, wenn man den Garten betritt. Man sieht es ihm und seiner Gestalterin an. Ich liebe es, durch diesen vielseitigen Garten zu streifen, die Seele baumeln zu lassen, inspiriert zu werden und mit einem Bier oder Wein in der Hand gemeinsam mit Viola durch ihren Garten zu stromern. Da gibt es ganz viel Erfahrungen, Tipps und immer wieder herrliche Anekdoten. Viola hat mich gelehrt, von Anfang an, gelassen an das Anlegen eines Gartens zu gehen und den Dingen ihren Raum und ihre Zeit zu lassen. Danke Viola, dass ich mir immer ein “Auge holen” kann und für deine erleuchtenden Funken beim Erzählen!

Alle Wurzeln liegen in meiner Kindheit!

Als Pfarrerstochter wuchs ich in einem großen verwunschenen Pfarrgarten im Norden Thüringens auf. In diesem Gartencwar alles vorhanden was man zum Selbstversorgen braucht: Eine Streuobstwiese mit Pflaumen, Äpfeln, Birnen und Haselnüssen, daneben ein großer Gemüsegarten sogar mit Spargel-Beet, viele Beerensträucher, ein riesiger Hof voller Hühner und ein parkähnlicher Blumengarten mit prächtigem altem Baumbestand. Die Bäume waren meine Freunde. Eine Kastanie diente mir als Beobachtungsposten. Selbst ungesehen konnte man aus der Baumkrone die gesamte Dorfstraße überblicken. Eine mächtige Schwarzkiefer stand vor dem Kinderzimmerfenster und meistens konnte man an ihrem Stamm einen Buntspecht beobachten und eine wunderbare, alte Linde senkte ihre Äste so zu Boden, dass in der so entstandenen Höhle, mittels eines Gartenschlauchs, der den ganzen Tag in der Sonne lag, unsere tolle Gartendusche entstand. Ich hatte in diesem Paradies stolze sieben „Buden“ zum Spielen eingerichtet mit Hummel-Krankenhaus und Bootsanlegestelle. Mein Boot war ein alter Schlitten und meine Fischerstiefel waren so groß, dass ich beim Laufen nicht mal meine Knie beugen konnte. Ich fuhr die Hühner im Puppenwagen spazieren und hielt mit meinem Luftroller die Wege Unkraut frei. Es duftete nach Flieder oder Phlox, nach Lindenblüten oder Laub-Feuer. Ich war nur draußen! Regelmäßig kam mein heißgeliebter Opa aus der Stadt. Als gelernter Gärtner aus Pommern hielt er den Gemüsegarten in Ordnung um so der jungen Familie unter die Arme zu greifen. Er brachte immer gute Laune mit und am Abend wurde Skat gespielt bei Bier und Apfelmost. Leider hat er nicht mehr mit erlebt, dass ich eine so leidenschaftliche Gärtnerin ganz nah seiner Heimat wurde. Aber ich hör ihn kichern wenn sich im Frühling seine Primeln in meinem Garten immer mehr verselbstständigen!

Rostock, Stadtwohnung, Balkon, Tomaten

Frisch verheiratet landete ich dann eines Tages in Rostock und verliebte mich sehr schnell in die wunderbare Landschaft der Umgebung. In der dritten Stadtwohnung besaßen wir dann endlich einen Balkon, zwar nur nach Norden aber zum ersten Mal ein eigenes Stück Himmel! Ich begann wie wild die Kästen mit Blumen zu  bepflanzen aber sogar auch mit Tomaten!

Ein finsteres Haus mit einem verwilderten Grundstück

Irgendwann legte mein geliebter Mann ein paar schwarz-weiß Fotos auf den Tisch von einem finsteren grauen Haus mit Asbest-Dach aber einem großen ( 2500 Quadratmeter ), verwilderten Grundstück, bestückt mit sämtlichem Müll und Schrott des Dorfes der letzten Jahre. Unter einer Distel -, Brennnessel – und Meerrettich- Plantage lagerten Federkern- Matratzen, alte Fahrräder, Lumpen-Säcke, volle Tabletten-Röhrchen, Asbestplatten und jede Menge verrosteter Drahtzaun. War das zur Seite geräumt, traf man auf alte Fundamente aus Ziegelstein und Beton. Während mein Mann tapfer versuchte an der Hausruine einen Anfang zu finden, fing ich an einer Stelle im Garten an. Unter einem alten Apfelbaum entdeckte ich eine mächtige Rhabarber Staude und ein kleines Nest Narzissen. Mein Herz hüpfte und begann zu brennen! Es verging kein Tag mehr ohne heiße Gartenträume und ich begann tatsächlich Meter für Meter das Grundstück zu entrümpeln und grob zu roden.

Gartenkomposition

Zwei Jahre Später, im Jahr 2000, war eine Etage des Hauses so weit hergerichtet, dass wir einziehen konnten. Ich war so glücklich wieder auf dem Land leben zu können! Ich weiß es noch, es war ein goldener Oktobertag, das Haus war sonnendurchflutet und roch nach frischem Lehmputz. Noch immer war ich dabei eine grobe Gartenordnung herzustellen. Ich baute aus den zertrümmerten Fundamenten Treppchen und Terrassen Beete. Aus der alten Lehmdecke im Haus entstand ein Zwergen-Berg mit Aussicht und dort, wo es überhaupt nicht zu graben ging, erfand ich ein Bauschutt Beet mit Pfennigkraut, Gräsern, Zitronenmelisse usw. Ich nannte es: Der Stärkere gewinnt. Noch immer kam jede Menge Schutt zu Tage und in der Mitte des Gartens erhob sich ein riesiger Berg altes Holz vom Hausbau. In meinem Kopf kurbelte es Tag und Nacht. Am Morgen stand ich bereits am Fenster um den Garten im Geiste zu „komponieren“. Am Abend lief ich stundenlang, mit einem Bierchen in der Hand, herum und beobachtete. Wo ist der Boden frisch oder eher trocken, wo ist es am sonnigsten, welche Pflanzen wachsen wo. Es gab so viele Brennnesseln!

Zuerst Rosen

Wunderbar humoser ausgeruhter Boden! In den ersten Jahren begann ich viele englische und historische Rosen mit Begleitstauden zu pflanzen. Es waren auch etliche Rambler dabei, die inzwischen eine große Pergola und so manchen Baum erobert haben. Eines Tages im Juni war dann mein Garten ein einziges Blütenmeer. Ich konnte es gar nicht fassen. Aber seit dem bin ich überzeugt, dass man Berge versetzen kann. War die erste Rosenblüte vorbei, inzwischen hatte ich ca. 50 verschiedene Sorten, war ich jedoch ein wenig erschrocken, weil Alles nur noch grün war. Also begann ich mich immer mehr mit Sommer und Spätsommer Stauden und vor allem meinen geliebten Gräsern zu beschäftigen. Dabei wurden mir Pflanzenstrukturen immer wichtiger. Ich würde am Liebsten eine Landschaft pflanzen statt einzelner Beete. Mein Großes Ziel ist, dass der Garten im Winter durch Immergrüne , Gräser und Samenstände genau so aufregend aussieht.

Der Garten heute

Im Moment hat unser Grundstück fünf Bereiche: den Vorgarten, hinter dem Haus Sommerstauden und Gräser, dahinter ein etwas schattigerer Bereich mit vielen Rosen, dem folgt eine Wiese mit Obstbäumen und am hinteren Ende befindet sich mein sogenannter Waldgarten mit hohen Bäumen und Teich. Außerdem gibt es noch ein Gewächshaus für meine Tomatenzucht und am Rand einige Gemüsebeete und Beerensträucher. Und natürlich gibt es im Garten viel mehr Jahreszeiten als nur vier! Zu erst beginnt im Waldgarten ein Schneeglöckchen und Märzenbecher Teppich zu blühen, dann beginnt die Zeit der Christrosen und Opas Primeln. Bei beiden werden die Bestände durch Selbstaussaat immer größer und es entstehen neue Sorten. Ende Mai ist dann ein richtiger Höhepunkt: Vor allem im Waldgarten tanzen tausende Akeleiblüten wie Ballerinas mit Rüschchenrock. Im Juni folgt die große Rosenblüte mit vielen Fingerhüten, Storchschnabel und Frauenmantel. Im Hochsommer wird es immer bunter.Vor allem Taglilien, Sonnenbraut und Sonnenhut geben den Ton an. Dazu blühen Alant, Hortensien, Kerzenknöterich und Kandelaber Ehrenpreis. Ab September bis weit in den November beginnt dann der große Auftritt von Gräsern und Astern. Dazwischen leuchtet noch so manche Rose. Viele Gräser begleiten mich durch den Winter bis ich sie Ende Februar, vor dem Neuaustrieb, schweren Herzens abschneide. Der letzte Höhepunkt im Jahr ist wenn ich, beim knisternden Feuer im Lehmofen, am PC sitze und mein alljährliches Gartentagebuch mit Text und vielen Bildern zusammenstelle.

Gartenglück – Lebensglück

Mancher Besucher der in meinem Garten steht sagt:“ Oh die viele Arbeit!“ Das empfinde ich gar nicht so, es ist für mich eine Art zu leben. In jedem Frühjahr denke ich, ich müsste allmählich rückbauen und bin manchmal im Zweifel ob ich wieder alles so schaffe wie ich will. Aber in jedem Herbst plane ich schon wieder ein Stück Rasen für eine neue Pflanzung zu opfern. Jedenfalls fühle ich meine Kindheit wieder ganz nah. Der Buntspecht ist da. Es duftet nach Flieder oder Phlox, nach Lindenblüten oder Laubfeuer und ich bin dankbar!

Viola Luhn



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