Gartenmenschen – Das Garteninterview mit Heike Mohr

Gartenmenschen – Das Garteninterview mit Heike Mohr

Von Berufswegen ist Heike Mohr häufig in anderen Gärten unterwegs und führt in der Regel selbst Garteninterviews. Die MDR-Garten-Redakteurin hat mal die Rollen getauscht und gewährt uns einen Einblick in ihren Stadtgarten.

Quelle: www.mdr.de/mdr-garten .

Wer bist Du und wo und wie lebst Du?

Wenn du ein Lineal nimmst und die Deutschlandkarte diagonal durchkreuzt, dann ist Erfurt im Zentrum. 

Ich lebe also nicht im Osten, sondern in der Mitte Deutschlands. Im Bratwurst- und Kloßland Thüringen. 

Na ja, man könnte auch sagen im Land des Weihnachtsbaums und des Weihnachtsbaumschmucks, des ersten Englischen Landschaftsparks Deutschlands, der ersten deutschen Züchter des Blumenkohls und der Dahlien oder der weltweit ersten Kakteengärtnerei.  Um Thüringen nur aus Gartensicht zu begutachten, vernachlässige hier mal ich Bach, Bauhaus, Goethe & Co. 

Wir haben in Erfurt, der Landeshauptstadt, vor vier Jahren ein Haus gebaut, in einer Baulücke, mitten in der mittelalterlichen Altstadt, ganz modern. Unser Garagentor ist mit schwarzen Tafellack gestrichen. Kulturelle Termine, Witziges und auch mal Politisches dürfen dort angemalt werden. Ab und zu zeichne ich selbst etwas. Gestalten war schon immer mein Hobby. Von der Plakatmalerlehre in Weimar über Stationen in Berlin, Amsterdam und Wien bin ich letztendlich beim MDR Fernsehen gelandet um Filmbeiträge zu gestalten.   Nach kurzer Babypause, durfte ich 2000 einen TV-Gartenratgeber mit aus der Taufe heben. Das ist jetzt fast 20 Jahre her, unglaublich. Mit Gartendingen hatte ich davor kaum etwas am Hut. Meine Eltern hatten ein Wochenendhaus im Wald. Da gab es neben Fichten nur Blau- und Preiselbeeren, Farne, Binsen und Pilze.

Um fit für die erste Sendung „MDR Garten“ zu sein, habe ich mir also einen ganzen Stapel Gartenzeitschriften in den Urlaub mitgenommen, dort überlegt wie so eine Gartensendung aussehen könnte.

Vieles davon ist später auf dem Schirm realisiert wurden. Einen eigenen Garten hatte ich lange nicht, dafür aber immer Balkon und Dachterrasse. In den letzten 19 Jahren durfte ich als Gartenautorin tolle Gartenmenschen und Gartenorte kennenlernen. Das macht es nicht einfach zufrieden mit den eigenen Gartenkünsten zu sein. 

Wie bist Du zu Deinem Garten gekommen?

Hinter unserem neuen Altstadt-Haus versteckt sich ein 80 m2 kleiner, von anderen Häusern umzingelter Garten.  Ganz oben gibt es eine Dachterrasse, einen Balkon haben wir auch. Den Garten habe ich mit Hilfe einer Erfurter Landschaftsarchitektin gestaltet. Unsere inzwischen prachtvoll blühende Zierkirsche wurde im Oktober vor dem Einzug im Januar gepflanzt. Es war uns sehr wichtig, dass der Garten als verlängerte Wohnraum schon fertig ist, vor dem Einzug. Die meisten Bauherren, gucken oft jahrelang auf einen dreckigen Bauschuttplatz der notdürftig mit Rasensamen begrünt wurde, weil sie vergessen, dass der Garten Teil des Hauses ist und auch stilmässig dazu passen sollte. Unser Garten ist das umgekippte Haus. Er hat drei Teile, so wie unser Haus drei Etagen hat. Das Haus ist rechteckig linear eingeteilt, der Garten auch. Runde und schwingende Formen kommen durch die Pflanzen dazu.

Beschreibe Deinen Garten. Was macht den Garten zu Deinem Garten?

Meinen Garten begutachte ich jeden Morgen mit einem Draufblick vom Balkon, so wie ein Vogel.  Und ich sehe, er ist nie perfekt. Eigentlich wollte ich nur Essbares im Garten haben. Also auch Zierpflanzen, deren Blüten man essen kann. Daran arbeite ich noch.  Es gibt zwei Hochbeete. Das große lange ist der Küchengarten. Wild durcheinander wachsen dort Gemüse, Erdbeeren, Lavendel, Salbei, Thymian und Kräuterentdeckungen, die ich von Gartenmärkten mitbringe. Wo Platz ist, wird etwas eingepflanzt. Ich stelle auch gern einen Tontopf mit prächtigen Mangold zwischen die Kräuter. Unsere Küche ist mit dem Garten über eine Außentreppe verbunden. Kein Kochen ohne Gang zum Küchengarten-Hochbeet, also.  Im vergangenen Jahr ist das letzte Stück Rasen verschwunden.  Jetzt wachsen direkt neben dem Sitzplatz Naschfrüchte: Johannisbeeren, Äpfel, Himbeeren, Gooji- und Stachelbeeren. 

Es gibt ein zweites flacheres Hochbeet, in dessen Mitte steht eine Felsenbirne. Sie hat schon zwei Umzüge mitgemacht und wuchs immer im Topf. 

Vor dem letzten Umzug entdecke ich die Larven des Dickmaulrüsslers im Topf. Per Hand haben ich jeden Wurzelstrang von Erde befreit und über 130 Larven entfernt.  Die Wurzeln waren schon weitgehend weggefressen. Trotzdem haben wir die Felsenbirne im neuen Garten eingepflanzt. Im Frühjahr sahen wir eine Notblüte, dann nur wenige winzige Blätter. Erst im dritten Jahr hatte sich der Baum erholt, wieder üppig geblüht, dann leckere rote Früchte getragen und uns mit einer tiefroten Herbstfärbung erfreut.  Rundherum dürfen sich Walderdbeeren breitmachen. Dazwischen stecke ich im Herbst Frühblüherzwiebeln.  Ende Mai müssen sie Platz machen für farbenprächtige Dahlien. Ab Dezember blühen neben der Felsenbirne zwei Helleborusarten.  Es wird also durchgeblüht. 

Welche Bedeutung hat Dein Garten für Deinen Alltag?

Meine Gartenzimmer sind vom späten Frühjahr bis Herbst mehr in Nutzung als unser Wohnzimmer mit Couch und Fernseher. Wenn möglich essen wir draußen, auf dem Balkon mit Blick in den Garten oder auf der Terrasse. Vom ersten Bärlauch bis zur letzten Ringelblüte wird alles in der Küche verarbeitet. Ich liebe es Frühstückseier mit Blüten und Kräutern aus dem Garten zu verfeinern oder aus Rote-Beete-Blättern und Dahlienblüten Salate zu zaubern. 

Die Gartenarbeit selbst ist für mich eher ein notwendiges Auspowern.  Jäten, Schneiden, Ernten, Düngen, das mache ich nicht täglich ein bisschen, sondern lieber mehre Stunden intensiv hintereinander, wenn es mal passt. Und dann oft noch in der Dämmerung, solange bis ich zufrieden aber völlig erschöpft in den Fernsehsessel sinke.   

Gibt es besondere Momente, die Du mit Deinem Garten verbindest?

Auf einer Seite zum Nachbarn wächst eine dichte immergrüne Efeuhecke. Das ist wunderbar, denn mit Efeublättern kann man sogar waschen, wenn das Waschpulver mal fehlen sollte.  Weil die Hecke schon alt ist, blüht der Efeu herrlich und trägt viele Früchte. Für die Adventsfloristik verwende ich die grünen Samenstände sehr gerne, im Dezember werden sie pechschwarz und zum Festmahl für Amseln. 

Es macht Spaß dabei zu zu sehen.  

An der Treppe in den Garten hinein blühen zwei verschiedene Clematis-Sorten, beide in Weiß. Die eine blüht früh mit großem Blüten, die andere spät im Juni mit kleinen zarten Blüten. Danach gibt es dekorative Samenstände. Es ist einfach herrlich diese Veränderungen zu beobachten. 

Neben dem Sprudelstein wächst eine weitere Clematisart, die nicht rankt und viele kleine gelbe Blüten trägt. 

Im Sommer werden ihre dicht wachsenden Triebe so hoch und durch die Blütenfülle so schwer, dass sie einfach umkippt. Wunderschön sieht das dann aus. 

Worauf hast du bei der Gestaltung Wert gelegt?

Wert gelegt habe ich auf die Gestaltungen von Gartenzimmern. Also Abtrennungen, auch baulicher Art durch Hochbette und Bäume. 

Ich möchte, dass alles, was sich essen möchte, möglichst im Garten wächst. Ein Garten ist ein Prozess, er wird nie fertig. Der essbare Hausgarten, das ist mein Ziel. Wild durcheinander, als Experimentierfeld und trotzdem ordentlich. 

Was oder wer inspiriert Dich bei der Gartengestaltung?

Gern stöbere ich auf Samen-und Pflanzentauschbörsen herum. Wenn ich etwas Spannendes entdecke muss es in den Garten, zur Not in den Kübel. Im Sommer gibt des deshalb zusätzliche viele Kübel mit Zitruspflanzen, Kartoffeln, Auberginen, Chili und Tomaten. Natürlich inspiriert mich meine Arbeit als Gartenjournalistin. Dazu gehören Neuheiten, die ich bei Messen entdecke und natürlich die vielen Begegnungen und Gespräche mit Fach- und Hobbygärtnern, Landschaftsarchitekten, Kräuterhexen und Künstlern. 

Was hat sich in Deinen Leben verändert, seit Du einen Garten gestaltest?

Ein Leben ohne Garten, Balkon oder Terrasse kann ich mir nicht mehr vorstellen. Mich fasziniert wie viele Pflanzenarten dicht nebeneinander auf wenig Raum wachsen können, denn mein Garten ist ja nur 80 m2 groß.  Herrlich ist es Saft aus eignen Äpfeln pressen zu können, mal schnell Mangold und Tomaten zu ernten, Himbeeren zu pflücken oder auch Tulpen und Maiglöckchen für die Vase. Es ist immer wieder ein Wunder, wenn aus kleinen Samenkörnern etwas wächst und gedeiht.  Es macht glücklich, diejenige gewesen zu sein, die dieses Wunder ermöglichte. 

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