Von Abschied und Vergänglichkeit – Gedanken zum Sterben

Von Abschied und Vergänglichkeit – Gedanken zum Sterben

Im Garten verabschieden sich die letzten Blüten, alles zieht sich zurück und die Vergänglichkeit der Dinge wird uns von der Natur alle Jahre wieder in Erinnerung gerufen. Ich verabschiede mich mit dem Rückschnitt von Stauden und Sträuchern und im Frühjahr bin ich dann gespannt, was geblieben ist, was sich neu sortiert hat und was ein Abschied für immer war.

Sterben – Vergänglichkeit im Alltag

Nun wohnen wir in unmittelbarer Nähe zu einem Friedhof und sind damit alltäglich auch mit der Vergänglichkeit des menschlichen Lebens konfrontiert. Was für eine Bereicherung für das Leben. Denn die allgegenwärtige Gewissheit, dass am Ende unausweichlich der Abschied und das Sterben stehen, macht die Einmaligkeit des Jetzt immer wieder deutlich. Jeder Moment ist einmalig und kommt nie wieder. Wir können keine Zeit nachholen. Das ist für uns Menschen physikalisch einfach nicht drin. Im Leben können wir gestalten, die Umstände anpassen oder verändern und damit auch viel, ob und wie wir erkranken bzw. altern.

Friedhof – Tod und Leben an einem Ort

Ich erlebe am Friedhof das Thema Tod als etwas Verbindendes der Lebenden. Dieser kleine Friedhof ist ein Ort der Begegnung, des Austauschs, hier ist Leben. Es treffen frisch Trauernde auf Trauererfahrene, hier geht es um Altes, hier geht es um Neues. Das Stromermädchen hat den Friedhof recht schnell als einen interessanten und angenehmen Ort entdeckt. Wir haben uns die Blumen und Dekoration auf den Gräbern angeschaut, die Namen auf  den Grabsteinen gelesen und uns überlegt, was das wohl für Menschen waren und warum sie in welchem Alter gestorben sein mochten. Hier trifft sie Menschen, die meistens sogar Zeit für ein Gespräch haben. Hier trifft Leben auf Tod, traurig auf fröhlich, alt auf jung.

Die Gefühle bleiben

Wir wissen von den meisten Verstorbenen nichts und doch ist es berührend, über diese Leben nachzudenken. Es ist denken: Gedenken, Andenken. Denn so schlimm es meist für die Hinterbliebenen ist, wenn ein Mensch gestorben ist, er ist nicht einfach weg. Da sind Fußstapfen, Anekdoten, Gefühle – jede Menge Erinnerungen – und war der Mensch auch noch so kurz im Leben. Diese Erinnerungen lassen Hinterbliebenen traurig, wütend, ärgerlich aber auch immer wieder freudig, liebevoll, lachend und dankbar zurück. Eine Bandbreite von Gefühlen wird so in der Trauer erlebt, die dann oft ganz milde stimmt. Es werden Schrulligkeiten, Streitigkeiten, Umarmungen und Austausch vermisst. Doch schlussendlich geht es immer um Gefühle. Die sind es, die das Leben ausmachen. Diese Gefühle lassen uns die gegangenen Menschen da, sie können sie sogar immer noch beeinflussen. 

Sterben zu begleiten nimmt die Angst

Dies haben auch wir vor sechs Jahren gelernt. Drei liebe uns sehr nahestehende Menschen starben in zeitlich sehr kurzem Abstand. Die Begleitung dieser Abschiede hat mir emotional einiges abverlangt und doch hat es mich auch unglaublich gestärkt. Das Sterben so miterlebt zu haben, hat mir vor allem die Angst vor dem Ungewissen genommen. Ich hatte auf einmal eine Idee, was das ist. Sterben ist für mich das, was der Einzelne tut und Tod ist der Zustand nach dem Sterben. Beim Sterben können wir begleiten bzw. das eigene auch aktiv selbst gestalten. Diese Erkenntnis hat mich beruhigt. Erst danach kommt der Tod, der Unabänderliche. Wir können unsere Vergänglichkeit nicht ändern. Doch wir können sie hier und jetzt gestalten. Wir entscheiden, welche Erinnerungen wir unseren Lieben hinterlassen und mit welchen Gefühlen sie sich daran erinnern werden. 

Leben ist die pure Vergänglichkeit

Die Themen Sterben und Tod sind in meiner Familie immer wieder präsent. Mein Mann und ich haben schon seit einigen Jahren geklärt, wie wir uns Sterben und Abschied nehmen wünschen. Das wissen auch unsere Kinder. Es ist ein Thema, das zu unserem Alltag gehört und seinen Schrecken verloren hat. Ich habe selbst als kleines Mädchen meinen Papa verloren und wusste überhaupt nicht, wie ich damit umgehen sollte. Trauer konnte gar nicht stattfinden, weil dieses Thema damals üblicherweise von Kindern ferngehalten wurde. Üblicherweise ist nicht unbedingt das Richtige. Alle haben es nach bestem Wissen und Gewissen gut gemeint. So richtig aufgearbeitet habe ich diesen Verlust und die Trauer erst vor einigen Monaten – bzw. ich bin noch dabei. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, wir sollten Kinder nicht vom Thema Sterben und Tod fern halten, ihnen „Geschichten“ erzählen, sie „schonen“ wollen. Das Leben ist die pure Vergänglichkeit und Sterben gehört dazu. Es ist wie mit allen Lebensthemen, wenn bestehende Ängste verschwinden,  dann eröffnen sich neue Sichtweisen und Möglichkeiten, dann lernen wir, werden sicherer und klarer und können dem Ablauf des Lebens gelassen und vielleicht sogar freudig entgegensehen und unseren Frieden mit unserer Vergänglichkeit machen.

Der natürliche Lauf des Lebens

Mit zunehmenden Alter kann ich mir sogar vorstellen, dass es eines Tages einfach okay sein wird, zu gehen. Noch vor zehn Jahren war es für mich schwer vorstellbar, dass ich jemals ähnlich empfinden könnte, wenn alte Menschen äußerten, sie hätten genug und sie wären bereit zum Sterben. Doch ich weiß um die Natürlichkeit im Lebensverlauf. Die Geburt meines ersten Kindes war das erste bedeutende Erlebnis in dieser Hinsicht. Sie hat mich erleben lassen, dass der menschliche Körper und Geist ganz natürlich in der Lage sind, solche maßgeblichen Erlebnisse zu meistern, wenn nicht unnötig und vorsorglich eingegriffen wird. Und so ging es mir auch bei der Sterbebegleitung. Es geht alles seinen Gang, wenn wir den einzelnen Menschen gestalten lassen und begleitend zur Seite stehen. 

Vorbereitet auf das Ende – ein beruhigendes Gefühl

Wir wissen nicht, wieviel Lebenszeit wir haben. Und natürlich wünsche auch ich mir, alt zu sterben. Doch ich fühle mich vorbereitet. Das bin ich aber nur, weil ich Sterben und Tod so hautnah erlebt habe, es mich unmittelbar betroffen hat. Diese Erfahrungen haben mich in die Lage versetzt, das Thema für mich anzunehmen und zu durchdenken. Es ist für mich ein wirklich beruhigendes Gefühl, zu wissen, was ich noch tun und sagen will, wenn es soweit ist. Einen schnellen plötzlichen Tod wünsche ich mir daher nicht. Ich würde mich freuen, wenn ich weiß, dass es soweit ist, sei es durch ein hohes Alter oder durch eine Krankheit. 

Angstfrei vergänglich

Ich habe keine Angst vor der Vergänglichkeit. Ich kann mir ein Leben als alte Frau wunderbar vorstellen. Ich will das Vergehen gestalten und für meine Familie, die hoffentlich eines Tages um viele Enkelkinder erweitert wird, einfach da sein und schöne Erinnerungen hinterlassen. Aber das kann ich ja jetzt schon tun, so dass diese Erinnerungen auch da sein werden, wenn ich nicht erst als faltige fröhliche Oma sterbe. Ich wünsche mir, dass gefeiert und gelacht wird, wenn ich gestorben sein werde und dass beim Anblick von Lavendel und Stockrosen meine Kindern ganz natürlich zu lächeln beginnen werden. So lächle ich auch heute, wenn ich Anfang November noch eine blühende Stockrose im Garten sehe, an meinen Vater, meine Schwiegermutter, unseren Freund, unsere Freundin denke und die geschäftige Lebendigkeit auf den Friedhof erlebe.



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